Das Palais Garnier besichtigen: der komplette Guide zur Pariser Oper
Das Palais Garnier ist weit mehr als ein Konzertsaal: Es ist ein Palast, den man um seiner selbst willen besucht. Von der theatralischen Prunktreppe bis zur Decke von Marc Chagall zeigt Ihnen dieser Guide, wie Sie Ihren Besuch planen, das richtige Ticket wählen und nichts von diesem Juwel des 9. Arrondissements verpassen.
Tickets, Öffnungszeiten und Anfahrt
Das Palais Garnier ist an den meisten Tagen für Besucher geöffnet, ausgenommen bei Nachmittagsvorstellungen und einzelnen Sonderschließungen. Die Öffnungszeiten wechseln mit der Jahreszeit: Im Sommer sind sie länger, in der übrigen Zeit kürzer. Prüfen Sie daher vor der Anreise die aktuellen Zeiten, denn die Kasse schließt in der Regel etwa eine Stunde vor dem Gebäude selbst.
Das Ticket erhalten Sie am Besuchereingang in der Rue Scribe oder online, um die Warteschlange zu umgehen. Die Preise richten sich nach der gewählten Variante und der Saison, und für junge Menschen, Studierende und unter Achtzehnjährige gelten ermäßigte Bedingungen. Erkundigen Sie sich in Echtzeit über die aktuellen Tarife. Die Oper liegt mitten im Viertel, erreichbar über die Station Opéra der Métrolinien 3, 7 und 8 sowie nur wenige Minuten von den Bahnhöfen Saint-Lazare und Gare du Nord entfernt.
Es gibt zwei Formate: die freie Besichtigung im eigenen Tempo und die geführte Tour mit einem Kunsthistoriker. Ersteres eignet sich für alle, die gern schlendern und die Erläuterungstafeln lesen; Letzteres erschließt Räume und Geschichten, die man allein nur selten entdeckt.
Frei oder geführt: Was passt zu Ihnen
Bei der freien Besichtigung durchstreifen Sie die großen öffentlichen Räume des Palastes: die Prunktreppe, die Foyers, die Rotunde und, wenn der Spielplan es zulässt, einen Blick in den Zuschauerraum von einer Loge aus. Ein mehrsprachiger Audioguide ergänzt den Rundgang mit Erläuterungen zu Architektur und Geschichte. Das ist die ideale Wahl für eine erste Entdeckung oder einen Besuch mit der Familie.
Die geführte Tour zu festen Zeiten dauert rund neunzig Minuten. Der Führer erzählt vom Bau des Hauses, vom Leben des Ensembles und von den Legenden, die an den Mauern haften, darunter jene, die das Phantom der Oper inspirierte. Sie eröffnet mitunter Zugang zu Räumen, die bei der freien Besichtigung verschlossen bleiben, vorbehaltlich der Proben und der technischen Erfordernisse des Tages.
Unser Rat: Ist die Zeit knapp, genügt die freie Besichtigung, um den Zauber des Ortes zu spüren. Für Liebhaber von Geschichte und Architektur aber verwandelt die Führung den Rundgang in eine echte Reise ins Paris Napoleons III.
Die Prunktreppe: ein Theater im Theater
Kaum haben Sie das Vestibül durchschritten, zieht die Prunktreppe alle Blicke auf sich. Aus verschiedenfarbigem Marmor gehauen, schwingt sie sich in einem doppelten Lauf zu den Foyers und zum Saal empor. Charles Garnier verstand sie als eine Bühne für sich: Im 19. Jahrhundert kam die vornehme Gesellschaft ebenso sehr, um gesehen zu werden, wie um die Musik zu hören, und diese Treppe war die Kulisse dieses gesellschaftlichen Schauspiels.
Blicken Sie hinauf zur gewölbten, bemalten Decke, gerahmt von Balustraden, von denen aus man auf die Auf- und Absteigenden herabschauen konnte. Fackelträgerinnen, Säulen und raffinierte Perspektiven schaffen ein ständiges Schauspiel. Hier begreift man Garniers eigenen Wunsch: einen Ort, an dem das Publikum zugleich Akteur und Zuschauer ist.
Halten Sie auf halber Höhe inne: Der Blick hinab auf die Eingangshalle mit ihren Strömen von Besuchern und ihrem gedämpften Licht zählt zu den schönsten Aussichtspunkten des ganzen Gebäudes.
Die Chagall-Decke und der Zuschauerraum
Unter dem großen Kronleuchter aus Bronze und Kristall des Saals im italienischen Stil verbirgt sich einer der Schätze des Palastes: die von Marc Chagall bemalte Decke, 1964 enthüllt. Vom Minister André Malraux in Auftrag gegeben, huldigt dieser weite Farbkreis vierzehn Komponisten von Mozart bis Ravel in traumhaften Szenen aus Blumen, Engeln und Pariser Wahrzeichen.
Diese moderne Decke, lange umstritten, krönt eine ganz und gar dem 19. Jahrhundert verpflichtete Ausstattung aus rotem Samt, Vergoldungen, Karyatiden und hufeisenförmigen Rängen. Der Kontrast zwischen Chagalls leuchtendem Fresko und dem prunkvollen Dekor des Second Empire macht die Einzigartigkeit des Saals aus. Ist der Zuschauerraum zugänglich, bewundert man ihn von einer Loge aus, für ein paar Minuten außerhalb der Zeit.
Der Zutritt zum Saal hängt von Proben und Spielplan ab und ist nie garantiert. Ein Grund mehr, den Zeitpunkt sorgfältig zu wählen und, wenn möglich, vor der Anreise die aktuellen Bedingungen zu prüfen.
Der Grand Foyer: der Spiegelsaal der Oper
Fast sechzig Meter lang, gestaltete Garnier den Grand Foyer als Wandelhalle, eines königlichen Schlosses würdig. Spiegel, Vergoldungen, von Paul Baudry bemalte Decken und funkelnde Kronleuchter bilden eine blendende Flucht, die oft mit dem Spiegelsaal von Versailles verglichen wird. In der Pause versammelte sich das Publikum hier, um gesehen zu werden, zu plaudern und den Abend zu verlängern.
Treten Sie hinaus auf die Loggia: Zur Avenue de l’Opéra hin bietet sie einen Blick geradewegs bis zum Louvre, eine von Haussmann selbst gewollte Sichtachse. Die angrenzenden Salons, mit Mosaiken und Behängen geschmückt, vollenden diesen prächtigen Rundgang, in dem jedes Detail von der Verfeinerung des kaiserlichen Paris zeugt.
Der Grand Foyer ist der Höhepunkt der freien Besichtigung. Nehmen Sie sich Zeit, ihn in seiner ganzen Länge zu durchschreiten, den Spiegeln nahezukommen und zu den Decken aufzublicken: Hier offenbart das Palais Garnier seinen Anspruch, ein Palast zu sein.
Charles Garnier und die Geschichte des Baus
Die Geschichte des Palais Garnier beginnt 1861, als ein junger, noch unbekannter Architekt, Charles Garnier, den unter Napoleon III. ausgeschriebenen Wettbewerb für ein neues Pariser Opernhaus gewann. Der Legende nach fragte die Kaiserin Eugénie, verwirrt vom Stil des Entwurfs, um welchen Stil es sich denn handle; Garnier soll geantwortet haben, es sei der Stil Napoleon III.
Der Bau, verzögert durch die Entdeckung eines unterirdischen Grundwasserspiegels unter den Fundamenten, durch den Krieg von 1870 und den Sturz des Kaiserreichs, zog sich über vierzehn Jahre hin. Eingeweiht wurde das Gebäude schließlich 1875, unter der Dritten Republik. Seine strahlende Fassade, seine Statuen, seine grüne Kuppel und sein vergoldeter Giebel machten es sogleich zu einem der Wahrzeichen des neuen, haussmannschen Paris.
Heute im Herzen eines dem Handel und dem Spektakel gewidmeten Viertels gelegen, zwischen den Galeries Lafayette und den Grands Boulevards, bleibt das Palais Garnier das Sinnbild einer goldenen Epoche. Es zu besuchen heißt, in den Traum eines Architekten einzutreten, der Paris nicht einen bloßen Saal, sondern einen Palast des Vergnügens und der Künste schenken wollte.