Der Kunstschmied, Hüter der Pariser Fassaden
Wer im Viertel um die Opéra den Blick hebt, sieht überall Eisen: verzierte Balkongeländer, Vordächer aus Glas und Metall, Treppen, die in die Haussmann-Stockwerke hinaufführen. Hinter jeder Kurve steht ein Kunstschmied, ein Feuer und eine über Jahrhunderte weitergegebene Handbewegung. Hier erfahren Sie, warum dieses Können für Paris zählt.
Die Schmiede, das schlagende Herz der Werkstatt
Alles beginnt mit dem Feuer. In der Werkstatt des Schmieds erhitzt die Esse das Eisen auf 900 bis 1200 Grad, bis es vom dunklen Rot ins helle Orangegelb wechselt. Es ist diese Farbe, nicht ein Thermometer, die dem Handwerker den genauen Augenblick verrät, in dem das Metall formbar wird. Zu kalt bricht es, zu heiß verbrennt es und verliert seinen Zusammenhalt. Das geschulte Auge des Schmieds, über Jahre gereift, ersetzt das Messgerät.
Um die Esse herum ordnet sich ein unveränderliches Bild: der massive Amboss, auf dem das Eisen geschlagen wird; der Handhammer und der Vorschlaghammer; die Zange, die den glühenden Stab greift; das Abschreckbecken mit Wasser oder Öl. Seit dem Mittelalter hat sich im Kern wenig geändert, außer dem elektrischen Gebläse und mitunter dem Federhammer für schwere Stücke.
Den Takt der Arbeit gibt die Hitze vor. Zwischen dem Herausziehen aus dem Feuer und dem Erkalten bleiben dem Schmied nur wenige Augenblicke, um dem Metall seine Form zu geben. Jede Bewegung muss deshalb vorausgedacht, geübt und genau sein. Dieser Druck der Zeit macht die Schmiedekunst ebenso körperlich wie geistig.
Handgriffe, von Hand zu Hand weitergegeben
Strecken, stauchen, biegen, spalten, warm lochen, nieten: das Vokabular des Schmieds beschreibt eine Choreografie von Griffen, die man nur an der Seite eines Meisters lernt. Das Strecken verlängert und verschlankt den Stab; das Stauchen tut das Gegenteil und rafft ihn zu einer Verdickung; das Biegen gibt ihm seine Voluten. Die enge, schneckenförmige Rolle am Ende eines klassischen Geländers verlangt vollkommene Gleichmäßigkeit.
Der Zusammenbau geschieht traditionell ohne modernes Schweißen: durch vernietete Zapfen, durch Klammern oder durch das Feuerschweißen, bei dem zwei weißglühende Stücke zusammengehämmert werden, bis sie ein einziges Metall bilden. Diese Verbindungen, ob verborgen oder bewusst zierend, zeigen das wahre Niveau des Handwerkers.
In Frankreich wird dieses Wissen noch über die Lehre und die Tradition des Compagnonnage weitergegeben, in der die jungen Leute jahrelang beobachten, nachahmen und schließlich erfinden. Wer die Tiefe dieses Erbes ganz verstehen will, kann sich mit das Handwerk des Kunstschmieds und seinen Ausbildungswegen befassen, die das Fortleben der Handbewegung sichern.
Balkone, Vordächer und Geländer im Blick
Der Kunstschmied arbeitet vor allem für die Architektur. Am sichtbarsten sind die Balkongeländer, jene Eisenspitze, die den Haussmann-Häusern am Boulevard Haussmann und an den Grands Boulevards ihren Rhythmus gibt. Jedes Beletage-Geschoss zeichnet sich durch einen durchlaufenden Balkon aus, dessen Entwurf strengen Kompositionsregeln des neunzehnten Jahrhunderts folgt.
Die Vordächer, jene Baldachine aus Glas und Metall, die Eingänge schützen, bilden ein weiteres großes Kapitel. Man begegnet ihnen vor Stadtpalais, Theatern und den überdachten Passagen des Viertels. Ihr Eisengerüst, zugleich stabil und luftig, muss das Glas tragen und dabei Jugendstil-Arabesken oder die klareren Linien des Art déco zeichnen.
Im Inneren ist das Treppengeländer das Meisterstück. Es begleitet den Aufstieg, lädt die Hand ein und muss aus jedem Winkel schön wirken. Ein großes Geländer kann Hunderte Stunden Schmieden und Anpassen verlangen, wobei jede Stange von Hand geformt, gebogen und zusammengesetzt wird.
Eisen, das Gedächtnis der Fassaden der Opéra
Das Opéra-Viertel ist ein offenes Buch über die Kunst des Metalls. Die Opéra Garnier, 1875 von Charles Garnier vollendet, verbindet Bronze, Kupfer und Schmiedeeisen bis in ihre Gitter und Laternen; im Inneren krönt die 1964 von Marc Chagall gemalte Decke ein Dekor, in dem das Metall überall mitspielt. Wenige Schritte entfernt zeigen die Galeries Lafayette am Boulevard Haussmann seit 1912 ihre berühmte Glaskuppel, getragen von einem Metallgerüst, das ebenso ein Meisterwerk der Ingenieurkunst wie der Schmiedekunst ist.
Rundherum erinnern die überdachten Passagen des neunzehnten Jahrhunderts mit ihren Glasdächern, schlanken Säulen und eisernen Brüstungen daran, dass Paris eine Hauptstadt des Architekturmetalls war. Die Bahnhöfe Saint-Lazare und Nord, die Metrostationen der Linien 3, 7, 8 und 9, die Eingänge im Guimard-Stil: überall erzählt das Schmiedeeisen eine zugleich industrielle und künstlerische Geschichte.
Diese Fassaden zu bewahren setzt Schmiede voraus, die eine verbogene Stange, eine gebrochene Volute, ein von der Zeit zerfressenes Vordach originalgetreu wiederherstellen können. Ohne dieses lebendige Können würde das eiserne Erbe unwiederbringlich verfallen.
Echtes Schmiedeeisen beim Bummeln erkennen
Wenn Sie rund um die Place Vendôme, die Grands Boulevards oder das Musée Grévin schlendern, nehmen Sie sich Zeit, die Balkone zu betrachten. Echtes Schmiedeeisen erkennt man an leichten Unregelmäßigkeiten: die Hammerschläge bleiben lesbar, keine zwei Voluten sind ganz gleich, und die Verbindungen lassen einen Niet oder eine Klammer erkennen. Gegossenes Eisen dagegen zeigt vollkommen wiederholte Muster und wirkt oft schwerer.
Achten Sie auch auf die Enden: ein schönes Geländer schließt mit einer sorgfältigen Rolle, einem gemeißelten Ansatz, manchmal einer getriebenen Blume oder einem Blatt. Diese Details, dem eiligen Passanten unsichtbar, sind die Signatur des Handwerkers. Sie verwandeln ein einfaches Geländer in ein Stück Stadtkunst.
Es ist diese Liebe zum Detail, die einen Bummel durch das Opéra-Viertel so lohnend macht. Ist das Auge einmal geschult, wird jede Fassade zu einer Lektion Schmiedekunst unter freiem Himmel, und der Reisende geht mit einem neuen Blick auf die Stadt.